mit Wilma Großmaas, Klimaanpassungsmanagerin der Stadt Hamm
Diesmal schauen wir aus kommunaler Perspektive auf den Klimawandel: Wilma Großmaas ist Klimafolgenanpassungsmanagerin in Hamm und bereitet die Stadt auf Hitze, Starkregen und andere Extremwetterereignisse vor. Sie erzählt, welche konkreten Veränderungen schon messbar sind und wie der neue Hitzeaktionsplan mit 44 Maßnahmen entstanden ist. Wir sprechen über die Herausforderungen der Querschnittsarbeit zwischen Gesundheitsamt, Grünflächenamt und Tiefbau, über komplizierte EU-Fördermittel und darüber, warum Klimaschutz und Klimaanpassung zusammengehören. Eine Folge über ganz praktische Daseinsvorsorge.
Wilma Großmaas arbeitet seit 2022 als Klimafolgenanpassungsmanagerin im Umweltamt der Stadt Hamm. In ihrer Funktion kümmert sie sich darum, die Stadt fit für die Folgen des Klimawandels zu machen – mit Schwerpunkten auf Hitzevorsorge, dem Schwammstadt-Konzept und der Stärkung der Klimaresilienz gegen Extremwetterereignisse wie Starkregen und Hitzewellen.
Hamm gehört zu den Kommunen in Deutschland, die frühzeitig auf den Klimawandel reagiert haben. Seit knapp vier Jahren gibt es eine eigene Stelle für Klimafolgenanpassung. Der Hintergrund: Die steigenden Temperaturen und Extremwetterereignisse sind längst keine abstrakte Zukunftsvision mehr, sondern in der Stadt messbar spürbar. „Wir steuern eindeutig darauf zu, dass es mehr als zwei Grad Erwärmung geben wird“, erklärt die Klimafolgenanpassungsmanagerin Wilma Großmaas.
Die Daten zeigen es deutlich: Von 1951 bis 1980 gab es in Hamm durchschnittlich drei heiße Tage pro Jahr – das sind definitionsgemäß Tage mit mindestens 30 Grad Celsius. Heute sind es bereits acht Tage im Schnitt, mit Ausreißern nach oben: 2022 waren es 19 heiße Tage.
Die Einrichtung der Stelle wurde durch die Deutsche Anpassungsstrategie an den Klimawandel (DAS) gefördert. Das Bundesförderprogramm ermöglicht es Kommunen, zunächst ein Klimafolgenanpassungskonzept zu erstellen und anschließend Personal für die Umsetzung zu finanzieren.
Inzwischen gibt es auch gesetzliche Verpflichtungen: Sowohl auf Bundesebene als auch in NRW wurden Klimaanpassungsgesetze verabschiedet, die Kommunen zur Auseinandersetzung mit dem Thema verpflichten. Hamm sieht sich aber auch aus Eigenverantwortung in der Pflicht: „Wir sind natürlich auch für die Daseinsvorsorge der Bürgerinnen und Bürger zuständig. Da ist es ganz wichtig, sich jetzt schon bestmöglich auf alles, was kommt, vorzubereiten“, sagt Wilma Großmaas.
Wie in vielen Städten, zeigen sich die Auswirkungen steigender Temperaturen in Hamm besonders deutlich in der Innenstadt. Durch starke Versiegelung staut sich dort die Hitze. Auch Nachts gibt es nur wenig Abkühlung.
Mit fortschreitendem Klimawandel wird sich diese Situation verschärfen. Mit direkten Folgen für die Gesundheit: „Das führt auch dazu, dass beispielsweise Herz-Kreislauf-Erkrankungen ansteigen“, erklärt Wilma Großmaas. Besonders betroffen sind vulnerable Gruppen wie ältere Menschen, Kinder und Kranke. Zahlen des Robert Koch-Instituts belegen bundesweit einen Zusammenhang zwischen längeren Hitzeperioden und erhöhter Sterberate.
Aber die Hitze belastet auch die städtische Infrastruktur wie neu gepflanzte Straßenbäume. Diese Bäume sind langfristig wichtig, denn sie funktionieren wie natürliche Klimaanlagen. Jedoch nur, wenn sie die ersten Jahre überleben. Mit steigenden Temperaturen muss das Grünflächenamt deshalb immer häufiger ausrücken, um zu wässern.
Dass die steigenden Temperaturen auch von der Bevölkerung wahrgenommen werden, belegt eine Online-Umfrage der Stadt Hamm: 87 Prozent der Teilnehmenden fühlen sich schon heute von zunehmender Hitze belastet, 93 Prozent fürchten die weitere Zunahme. Also braucht es einen Plan B. Oder besser: einen Hitzeaktionsplan.
Der Hitzeaktionsplan wurde gemeinsam mit dem Gesundheitsamt entwickelt – mit gutem Grund: Die WHO bezeichnet die Klimakrise als das größte Gesundheitsrisiko des 21. Jahrhunderts. In einem breiten partizipativen Prozess entstanden 44 Maßnahmen, die sich in drei Kategorien aufteilen:
Ein Beispiel, das bereits läuft: die interaktive „Karte der kühlen Orte”. Auf diesem Online-Portal können Bürger*innen ihre Lieblingsorte im Schatten eintragen und anderen mit Tipps weiterhelfen – quasi ein Insider-Guide für heiße Tage.
Andere Maßnahmen basieren auf detaillierten Analysen. Die Stadt hat sich angeschaut: Wo liegen eigentlich klimasensible Einrichtungen wie Pflegeheime, Schulen und Kitas? Wie ist die Hitzebelastung vor Ort? Und wie weit müssen Menschen laufen, bis sie eine Grünfläche erreichen? Diese Daten wurden zusammengeführt, um zu erkennen, wo der Handlungsbedarf am größten ist.
Ein weiterer wichtiger Punkt: die Versiegelung. Weil Hamm noch kein vollständiges Kataster versiegelter Flächen hat, steht eine umfassende Bestandsaufnahme ganz oben auf der Liste. Erst mit diesen Daten lassen sich sinnvolle Entsiegelungsziele formulieren.
Insgesamt setzt der Hitzeaktionsplan auf drei Säulen: bauliche Anpassung, bessere Information der Bevölkerung und gezielten Schutz besonders gefährdeter Gruppen.
Die Arbeit von Wilma Großmass besteht vor allem aus Koordination. Sie arbeitet mit Gesundheitsamt, Grünflächenamt, Bauamt und Tiefbau zusammen, organisiert Bürgerbeteiligung und verknüpft Themen quer durch die Verwaltung. Nach eigener Zählung hatte sie bereits mit etwa 80 Prozent aller Ämter in Hamm zu tun. „Querschnittsaufgabe nennt man das, glaube ich“, sagt sie selbst dazu.
Die Herausforderungen dabei sind vielfältig. Finanziell ist die Lage angespannt. Keine Kommune in Deutschland schwimmt gerade im Geld. Auch zeitlich braucht es Geduld: Während der Hitzeaktionsplan in anderthalb Jahren entwickelt werden konnte, dauern bauliche Maßnahmen deutlich länger.
Ein Beispiel ist das Projekt Schwammstadt. Die Idee dahinter: Regenwasser soll vor Ort versickern, statt direkt in die Kanalisation zu fließen. Bis 2033 möchte Hamm einen Sozialraum entsprechend umgestalten. Das zeigt, in welchen Zeiträumen man hier denken muss. Fördermittel gibt es durchaus, etwa aus dem europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE). Aber die Dokumentationspflichten haben es in sich: „Das ist super aufwendig. Ich freue mich auch nicht, wenn ich meinen Zwischenbericht einreichen muss, aber das ist im Vergleich zu EU-Fördermitteln nochmal eine ganz andere Hausnummer,“ berichtet Wilma.
Ein möglicher Ausweg für Wilma Großmaas: Klimafolgenanpassung könnte zur Gemeinschaftsaufgabe werden, ähnlich wie der Küstenschutz. Das würde vieles vereinfachen: klare Finanzierungswege, Planungssicherheit, weniger Bürokratie. Statt jährlich wechselnder Förderprogramme mit unterschiedlichen Anforderungen gäbe es verlässliche Strukturen. Darüber wird in der Szene durchaus diskutiert.
Der Unterschied zwischen Klimaschutz und Klimaanpassung ist klar: Klimaschutzmanager*innen arbeiten daran, den Klimawandel zu bremsen. Klimaanpassungsmanager*innen wie Wilma Großmaas bereiten uns darauf vor, mit den unvermeidbaren Folgen zu leben. Ihre Arbeit ist dabei klar zukunftsgerichtet. Bei Bauprojekten, die vor zehn Jahren angestoßen wurden, kann sie heute keinen Baustopp verhängen, auch wenn man vieles inzwischen anders machen würde.
Aber: Klimaanpassung profitiert enorm von erfolgreichem Klimaschutz. „Das Feld Klimafolgenanpassung profitiert total von jedem 10tel Grad, das es nicht wärmer wird”, betont Wilma. Die Rechnung ist simpel: Je geringer die Erwärmung, desto weniger Extremwetterereignisse und desto niedriger die Kosten. Prävention kostet Geld, aber die Folgen des Nichtstuns kosten ein Vielfaches.
Dabei gibt es viele Überschneidungen. Mehr Grün in der Stadt? Gut für den Klimaschutz als natürliche CO₂-Senke, gut für die Klimaanpassung wegen der Kühlleistung. „Da gibt es ganz viele Sachen, wo wir total d’accord sind”, sagt Wilma über die Zusammenarbeit mit den Klimaschutz-Kolleg*innen.
Wilmas langfristige Vision: Klimaanpassung wird überall mitgedacht. Bei Bauprojekten, in der Stadtplanung, bei der Infrastruktur. So wie Artenschutzprüfungen heute selbstverständlich dazugehören, sollen künftig auch Klimagutachten zum Standard werden. „Ich glaube, es wird einfach noch einen Moment dauern, bis alle – auch Investorinnen und Investoren – verstehen: Es ist notwendig, dass man an manchen Stellen ein Klimagutachten macht.“ Bis dahin heißt es: beharrlich bleiben und die Themen immer wieder einbringen.
wvgw
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