mit Goldy Raimann, Teamleiterin Nachhaltigkeit bei der ASEW
Das Omnibus-Verfahren sorgt für Frust in der Nachhaltigkeitsszene: Die Berichtspflichten für Unternehmen sollen drastisch reduziert werden. Was bedeutet das für Stadtwerke, Energieversorger und andere KMU? Goldy Raimann von der ASEW ordnet ein, warum gerade jetzt Weitermachen gefragt ist, auch ohne politischen Druck. Und sie zeigt, mit welchen Werkzeugen und Strategien Nachhaltigkeit in Unternehmen trotzdem gelingen kann.
Goldy Raimann ist Teamleiterin Nachhaltigkeit bei der ASEW – der Arbeitsgemeinschaft für sparsame Energie- und Wasserverwendung. Sie ist zentrale Ansprechpartnerin für Nachhaltigkeitsfragen, insbesondere für kommunale Energieversorger und Stadtwerke.
Das von der EU angestoßene Omnibusverfahren hat viele Nachhaltigkeitsverantwortliche und Unternehmen unvorbereitet getroffen: Statt einer breiten Nachhaltigkeitsberichtspflicht ab 250 Mitarbeitenden sollen künftig nur noch Unternehmen ab 1.000 Beschäftigten berichten müssen. Damit entfällt für einen Großteil der kleinen und mittleren Unternehmen der Druck, aber auch eine Chance.
Der sogenannte „Omnicrash“ lässt die Nachhaltigkeitsszene in eine ungewisse Zukunft blicken. „Für viele, die sich bereits auf den Weg gemacht haben, ist das ein herber Schlag“, sagt Goldy Raimann. Sie und viele ihrer Kolleg*innen fragen sich, welche Rolle Nachhaltigkeit ohne politischen Druck jetzt noch spielen wird.
Dabei ging es nie nur um Berichte: Die Berichtspflicht war ein strategischer Hebel, um Kapital in nachhaltige Geschäftsmodelle zu lenken. Die geplante Kürzung könnte diesen Anreiz zunichtemachen. Besonders paradox: Zeitgleich wird auch der zugrundeliegende Standard gekürzt – bevor klar ist, welche Unternehmen überhaupt noch berichten müssen.
Goldy Raimann plädiert dafür, die Gesetzgebung nicht als Ausrede zu nutzen und sich unabhängig davon strategisch aufzustellen.
In Stadtwerken und kommunalen Unternehmen ist die Stimmung gespalten. Einige sind erleichtert: weniger Druck, mehr Zeit. Andere haben bereits viel in Beratung, Strategie und Workshops investiert und fühlen sich jetzt ausgebremst. Der Frust über die politische Kehrtwende trifft auf Unsicherheit: Welche Anforderungen gelten künftig noch? Was bleibt von den sektorenspezifischen Standards?
Ein zentrales Problem: Es fehlt an praxisnahen Hilfestellungen. Gerade Stadtwerke vereinen komplexe Wertschöpfungsketten – von ÖPNV über Energieversorgung bis Abwasserentsorgung. Ohne klaren Rahmen bleibt vieles Interpretationssache. Der Ruf nach Orientierung ist laut, auch, weil Nachhaltigkeit für viele längst mehr ist als eine Pflicht.
Der aktuelle Rückzug der Politik ist kein Freifahrtschein. Denn andere Akteure übernehmen zunehmend die Rolle des Regulators. Goldy Raimann nennt drei zentrale Gruppen, die Nachhaltigkeit heute einfordern und damit Einfluss auf Geschäftsmodelle und Geldflüsse haben:
Banken und Kreditgeber, Kund*innen und nicht zuletzt die Öffentlichkeit. ESG-Kriterien werden zum Bewertungsmaßstab bei der Vergabe von Krediten. Personalgewinnung wird zur Herausforderung, wenn Bewerber*innen gezielt nach nachhaltigen Arbeitgebern suchen. Unternehmen, die das frühzeitig erkennen, verschaffen sich langfristig einen Vorteil.
belastbare ESG-Kennzahlen und Risikoeinschätzung
glaubwürdiges Nachhaltigkeitsengagement
transparente, strategisch verankerte Nachhaltigkeit
Auch ohne gesetzliche Verpflichtung plädiert Goldy Raimann dafür, Nachhaltigkeit strategisch anzugehen. Sie empfiehlt: Erst analysieren, wo das Unternehmen steht. Dann entscheiden, welche Strategie passt.
Nachhaltigkeit muss nicht mit einem langen Bericht beginnen. Oft reicht eine motivierte Person, ein kleines Team, ein konkretes Projekt. In vielen Unternehmen entstehen aus freiwilligem Engagement echte Strategien, mit wachsendem Rückhalt aus der Geschäftsführung. „Green Teams“ ersetzen klassische Stabsstellen, Netzwerke helfen beim Aufbau von Know-how.
Wer strategisch vorgehen will, findet auch ohne gesetzliche Pflicht gute Werkzeuge. Für kleinere Unternehmen bietet sich der freiwillige VSME-Standard oder freiwillige Initiativen wie die Gemeinwohlökonomie an. Für größere Betriebe braucht es zusätzliche Module oder externe Beratung.In jedem Fall gilt: Wer heute beginnt, kann morgen besser entscheiden.
Hier sind fünf zentrale Empfehlungen aus dem Gespräch:
Jetzt starten: Nicht auf politische Vorgaben warten, sondern eigene Strategien entwickeln.
Motivierte Mitarbeitende aktivieren: Nachhaltigkeit braucht Treiber*innen im Unternehmen.
Standards prüfen: VSME, Gemeinwohl-Ökonomie oder individuelle Beratung als Grundlage
Stakeholder ernst nehmen: Anforderungen von Banken, Kunden und Partnern systematisch einbeziehen
Netzwerke nutzen: Austausch mit anderen Unternehmen, Projekten und Verbänden suchen
wvgw
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