mit Anna Hover, Team Lead Organizational Design beim FIR an der RWTH Aachen
Auch ohne CSRD-Pflicht lohnt sich berichten: Diese Episode zeigt, wie KMU mit dem VSME-Standard Aufwand reduzieren, relevante Daten erheben und daraus echtes Managementwissen gewinnen. Und unser Gast Anna Hover stellt Ready for ESG vor, eine digitale Plattform, die Schritt für Schritt durch den Prozess führt.
Anna Hover ist Teamleiterin für Organizational Design und wissenschaftliche Mitarbeiterin am FIR, einem An-Institut der RWTH Aachen. Sie leitet das Forschungsprojekt Ready for ESG, das kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) hilft, die Anforderungen der ESG-Berichterstattung effizient und ressourcenschonend zu erfüllen.
Die CSRD (Corporate Sustainability Reporting Directive) wird – nach jetzigem Stand – nur für große Unternehmen ab 1.000 Mitarbeitende Pflicht. Für kleine und mittlere Betriebe (KMU) verschiebt sich der Fokus, weg von der Pflicht, hin zur Freiwilligkeit. Doch werden sich KMU die Mühe ohne gesetzliche Pflicht machen?
Anna Hover glaubt ja. Denn auch wenn der gesetzliche Druck entfällt, bleiben die steigenden Anforderungen von Kund*innen, Investor*innen und anderen Stakeholdern für viele Unternehmen der Treiber, sich freiwillig mit der Berichterstattung auseinanderzusetzen. „Außerdem haben sich viele Unternehmen bereits vorbereitet und viel Zeit in die Datenerhebung investiert“, sagt Anna. Sie stellt sich vielmehr die Frage, ob die Unternehmen die Berichterstattung nur als bürokratischen Aufwand betrachten oder die erhobenen Daten auch operativ nutzen, um sich in Sachen Nachhaltigkeit zu verbessern. Denn hier liegt der eigentliche Mehrwert.
Anna fordert daher einen Perspektivwechsel: Ein Nachhaltigkeitsbericht ist Aufwand, doch er kann mehr sein als das. Berichten sollte nicht als Pflichtübung, sondern als Managementinstrument betrachtet werden. Die freiwillige Berichterstattung nach VSME sorgt hier für Erleichterung. Der Standard reduziert die Komplexität der CSRD auf das Wesentliche, priorisiert Kerndaten und senkt damit die Einstiegshürde.
Der zentrale Unterschied zwischen der gesetzlichen Berichterstattung nach CSRD und dem freiwilligen VSME-Standard für kleine und mittlere Unternehmen liegt in Umfang und Detailtiefe.
Mit über 1.000 Datenpunkten geht der CSRD tief ins Detail. Im Gegensatz dazu bietet der freiwillige Standard VSME mit 180 Datenpunkten einen deutlich schlankeren Einstieg. Die Themen sind zwar ähnlich, z. B. Treibhausgas-Emissionen, Energie- oder Wasserverbrauch, aber die Anforderungen pro Datenpunkt gehen im CSRD viel weiter als im VSME: Für die Treibhausgasbilanz müssen beispielsweise Scope 1, 2 und 3 erfasst werden.
Außerdem verlangt die CSRD, dass zu vielen Kennzahlen konkrete Ziele Maßnahmen beschrieben werden. Beim freiwilligen VSME-Standard genügen Scope 1 und 2, Scope 3 ist optional. Und es ist nicht für jeden einzelnen Datenpunkt nötig, zusätzlich Ziele und Maßnahmen zu formulieren. „Dadurch wird der Aufwand spürbar geringer“, sagt Anna.
Die Orientierung an einem standardisierten Rahmenwerk wie dem VSME ist für Anna sinnvoll, weil er nicht nur eine europaweite Vergleichbarkeit schafft, sondern Unternehmen auch eine klare Struktur für jene Themen bietet, die von Stakeholdern als relevant erachtet werden. „Bisher werden KMU häufig mit heterogenen Fragebögen, unterschiedlichen Berechnungslogiken und Formaten von verschiedenen Stakeholdern überhäuft. Das bedeutet einen enormen Aufwand bei geringem Nutzen.“ Der VSME-Standard kann nun als Basis dafür dienen, welche Daten abgefragt werden dürfen.
Obwohl es im VSME nicht verpflichtend ist, empfiehlt Anna die Durchführung einer doppelten Wesentlichkeitsanalyse. „Unternehmen können sich dann strukturiert anschauen, welche Themen relevant sind, wo die Chancen und Risiken und der eigene Einfluss liegen“.
Die erhobenen Daten können schließlich als Ausgangsbasis dienen, um den Status Quo zu verbessern, Effizienzpotenziale abzuleiten, Prozesse zu optimieren und Kosten zu sparen. „Im Idealfall stellt der Nachhaltigkeitsbericht irgendwann das Resultat und eine Erfolgsbilanz der bereits umgesetzten Nachhaltigkeitsmaßnahmen dar und ist nicht nur der Treiber der Aktivitäten, sagt Anna.
Auch wenn der VSME-Standard einen deutlich reduzierten Aufwand bedeutet, stellt die Erstellung eines freiwilligen Berichts für viele KMU eine Hürde dar. Hier setzt das von Anna geleitete Forschungsprojekt Ready for ESG an. Im Rahmen des Projekts haben Anna und ihr Team eine digitale Plattform entwickelt, auf der KMU schrittweise und verständlich durch den Prozess der Berichterstellung nach dem VSME-Standard geführt werden.
Komplexe Sachverhalte werden in einfache Fragen übersetzt, die das Unternehmen nach und nach beantwortet. Der Hauptvorteil liegt in der geführten Herangehensweise und der Vermittlung von Grundlagenwissen. Ready for ESG bietet insbesondere Unternehmen, die sich noch gar nicht mit dem Thema befasst haben, weiterführende Hilfen wie Leitfäden, Berechnungshilfen, zusätzliche Beschreibungen und Definitionen.
Am Ende des Prozesses generiert die Plattform ein Word-Dokument. Dieses dient als fundierte Basis für den finalen Bericht. Es enthält ein Inhaltsverzeichnis, vorformulierte Textbausteine und Tabellen, die anschließend individuell angepasst und in das eigene Corporate Design überführt werden können „Wir schätzen, dass unser Tool den Aufwand der Unternehmen um rund 80 % reduziert“, sagt Anna.
Zusätzlich zur praktischen Berichtserstellung hat Ready for ESG eine klare wissenschaftliche Komponente. „Wir haben zum Beispiel untersucht, welche Gestaltungsformen sich für Nachhaltigkeitsberichte eignen und welche Zielgruppen sie ansprechen“ erklärt Anna. Dazu wurde im Rahmen des Forschungsprojekts eine quantitative Umfrage durchgeführt, deren Ergebnisse ebenfalls auf der Website bereit gestellt werden. Und es wurden die Anforderungen verschiedener Stakeholder analysiert und in Anforderungsprofile gebündelt. Daraus hat das Team um Anna abgeleitet, welche Herausforderungen Unternehmen in der Berichterstattung haben und mit welchen Maßnahmen sie sich adressieren lassen. So liefert die Plattform zusätzlich zur Berichtserstellung wissenschaftlich aufbereitete Inhalte.
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