Digitalisierung mit Verantwortung: Warum Suffizienz der Schlüssel ist

mit Dr. Felix Sühlmann-Faul

Darum geht's in dieser Folge

Digitalisierung und Nachhaltigkeit: zwei Megatrends, die nicht ohne Widerspruch sind. In dieser Episode sprechen Heike und Martin Gruber mit dem Techniksoziologen Dr. Felix Sühlmann-Faul über die Chancen und Risiken der digitalen Entwicklung und wie Unternehmen ihre Verantwortung erkennen und wahrnehmen können. Felix Sühlmann-Faul erklärt, warum Digitalisierung nicht automatisch nachhaltig ist, wie digitale Werkzeuge sinnvoll eingesetzt werden und was es braucht, damit der digitale Wandel in Unternehmen zum echten Nachhaltigkeits-Fortschritt wird.

Dr. Felix Sühlmann-Faul
Foto: Dr. Felix Sühlmann-Faul

Dr. Felix Sühlmann-Faul ist Techniksoziologe, Autor, Speaker und Berater für Digitalisierung und Nachhaltigkeit. Er unterstützt außerdem Unternehmen und politische Gremien u. a. in den Bereichen KI-Compliance, Datenschutz und Cybersicherheit.

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Die drei Ebenen der Nachhaltigkeit

Effizienz allein reicht nicht

Effizienz gilt oft als Zauberwort für digitale Nachhaltigkeit. Schnellere Prozesse, bessere Hardware, weniger Verbrauch – auf den ersten Blick klingt das vielversprechend. Doch Felix Sühlmann-Faul warnt vor einem Denkfehler. Denn jede Effizienzsteigerung öffnet neue Türen für mehr Nutzung. Das Ergebnis: Am Ende steigt der Ressourcenverbrauch trotzdem. Dieses Phänomen ist bekannt als Rebound-Effekt. Genau hier scheitert das Argument, Digitalisierung sei per se nachhaltig.

Was wirklich zählt, ist Suffizienz, also die bewusste Entscheidung zur Begrenzung. Die zentrale Botschaft: Effizienz allein reicht nicht. Es braucht klare Begrenzungen und ein neues Bewusstsein, wie und wo digitale Technologien sinnvoll eingesetzt werden.

Die drei Ebenen der Nachhaltigkeit im Überblick

Effizienz

Mit weniger Ressourceneinsatz mehr erreichen: Klingt gut, führt aber oft zu Rebound-Effekten, wenn der Gewinn durch Mehrnutzung direkt wieder aufgezehrt wird.

Suffizienz

Bewusstes Weniger: Suffizienz bedeutet, den Bedarf zu hinterfragen und auf Überflüssiges zu verzichten – der wirksamste Hebel für echte Nachhaltigkeit.

Konsistenz

Technologien so gestalten, dass sie mit natürlichen Kreisläufen kompatibel sind, z. B. durch Recycling, Kreislaufwirtschaft oder biologisch abbaubare Materialien.

„Effizienz ist nicht der ausschlaggebende Faktor in Sachen Nachhaltigkeit. Was Ausschlag gibt, ist Suffizienz, nämlich die eigentliche Begrenzung.“
Dr. Felix Sühlmann-Faul
Dr. Felix Sühlmann-Faul

Technologie ist kein Selbstzweck

Digitale Tools: Nutzen mit Verantwortung

Digitale Tools wie KI-Systeme, Cloud-Dienste oder Rechenzentren sind längst fester Bestandteil des Unternehmensalltags. Doch wie groß ist der damit verbundene Energieverbrauch? Und wie bewusst gehen wir mit diesen Ressourcen um? Felix Sühmann-Faul schätzt, dass rund 90 % der Nutzer*innen nicht wissen, wie hoch der Energiebedarf von Anwendungen wie ChatGPT ist.

Das führt zu einem gefährlichen Automatismus: Neue Tools werden eingeführt, weil sie neu sind, nicht, weil sie sinnvoll sind. Die zugrunde liegende Haltung: Digitalisierung als Fortschrittsversprechen. 

Wichtig ist ein Perspektivwechsel: Digitale Technologien sind Werkzeuge. Und jedes Werkzeug bringt Verantwortung mit sich. Von Unternehmen wünscht sich Sühlmann-Faul eine aktive Auseinandersetzung mit den sozialen, ökologischen und ökonomischen Folgen ihrer digitalen Infrastruktur.

Die einfache Frage „Brauchen wir das wirklich?“ kann in Zukunft ein mächtiger Filter sein. Felix Sühlmann-Faul empfiehlt: Vor jeder Einführung digitaler Werkzeuge sollte eine kritische Bilanzierung stehen. Was kostet das Tool an Energie, vom Training bis zur Nutzung? Welcher Nutzwert steht dem gegenüber? Und: Gibt es vielleicht eine analoge, energiesparendere Lösung? Diese Art der bewussten Auswahl ist Teil der Strategie der Suffizienz, also der Begrenzung auf das Notwendige. 

„Wir sind uns der Verantwortung, die hinter digitalen Werkzeugen steht, nicht bewusst.“
Dr. Felix Sühlmann-Faul

Nachhaltigkeit im Leitbild integrieren

Nachhaltigkeit beginnt in der Unternehmenskultur

Nachhaltige Digitalisierung gelingt nicht durch einzelne Maßnahmen, sondern sie muss Teil der Unternehmenskultur sein. Dr. Sühlmann-Faul macht deutlich: Eine Strategie funktioniert nur, wenn sie von allen mitgetragen wird. Das bedeutet nicht nur die Führungsebene, auch Mitarbeitende und Prozesse müssen sich an einem gemeinsamen Leitbild orientieren.

Der Versuch, Nachhaltigkeit „von oben“ zu verordnen, z. B. durch einen fleischlosen Dienstag in der Kantine, bleibt wirkungslos, wenn der Sinn dahinter nicht verstanden wird. Nachhaltigkeit muss stattdessen in jede Entscheidung, jeden Prozess, jedes Projekt eingebettet sein.

Unternehmen haben eine besondere Verantwortung: Sie sind verdichtete Teile der Gesellschaft. Gerade deshalb haben sie auch das Potenzial, Impulse in die Fläche zu senden. Wenn viele Unternehmen bewusst handeln, kann eine echte Transformation angestoßen werden – von innen heraus, nicht von außen aufgezwungen.

Der erste Schritt: Bewusstsein schaffen. Über Schulungen, transparente Kommunikation und die Einbindung der Mitarbeitenden in Entscheidungen. Denn nur wenn alle an einem Strang ziehen, entsteht gelebte Nachhaltigkeit.

„Es muss eine unternehmensweite Wahrnehmung geschaffen werden, um nachhaltige Strategien erfolgreich umzusetzen.“
Dr. Felix Sühlmann-Faul

Beispiele

Wo es nicht ohne Digitalisierung geht

Felix Sühlmann-Faul nennt zwei konkrete Beispiele, bei denen Digitalisierung und Nachhaltigkeit Hand in Hand gehen können. Es geht nicht darum, Technologie per se abzulehnen, sondern sie dort einzusetzen, wo sie echten Impact hat.

Erneuerbare Energien

Wind, Sonne, Speicher, Netze: Das Zusammenspiel erneuerbarer Energien ist hochkomplex. Ohne digitale Steuerung und Echtzeit-Daten läuft nichts. Intelligente Systeme sorgen dafür, dass Energie effizient verteilt und genutzt wird. Digitalisierung ist hier kein Nice-to-have, sondern Grundvoraussetzung für die Energiewende.

Kreislaufwirtschaft

Digitale Technologien machen es möglich, Materialien und Produktionsreste zu erfassen, zu katalogisieren und weiterzuverwerten. Das Beispiel General Motors zeigt: Was früher Müll war, kann heute ein neuer Rohstoff sein. Plattformen und Materialdatenbanken schaffen Transparenz und neue Wertschöpfung. Ohne Digitalisierung wäre ein funktionierendes Kreislaufsystem in Unternehmen kaum realisierbar.

Konkrete Schritte

Von Cloud-Nutzung bis Kreislaufwirtschaft

Laut einer Greenpeace-Studie könnte allein die Einführung von zwei Homeoffice-Tagen pro Woche für 40 % der Arbeitnehmenden in Deutschland jährlich rund 5 Millionen Tonnen CO₂ einsparen. Das zeigt: Nachhaltigkeit muss nicht immer teuer oder komplex sein.

Auch bei der IT-Infrastruktur lohnt sich ein Blick auf Effizienz und Energieverbrauch. Wer Cloud-Dienste nutzt, spart im Vergleich zum eigenen Serverpark nicht nur Kosten, sondern auch Strom, vorausgesetzt der Anbieter arbeitet klimafreundlich.

Darüber hinaus bieten sich digitale Technologien an, um Gebäude und Produktionsprozesse smarter zu steuern: Sensoren, Energiemanagement-Software oder automatisierte Systeme. Das alles kann helfen, Ressourcen gezielter einzusetzen. So wird Digitalisierung vom Problem zum Teil der Lösung.

Kleine Maßnahmen mit großer Wirkung

Oft liegt der Schlüssel zur Veränderung in den kleinen Dingen. Felix Sühlmann-Faul nennt konkrete Maßnahmen, die jedes Unternehmen sofort und ohne großen Aufwand umsetzen kann:

  • Virtuelle Meetings statt Dienstreisen
  • Homeoffice-Tage zur Reduktion des Pendelverkehrs
  • Energieeffiziente Hardware und Rechenzentren
  • Nutzung von Cloud-Diensten mit Ökostrom

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