KI ist wie eine E-Mail-Adresse: Warum bei thermondo jeder Zugang zu KI hat
mit Thomas von Schwarzenfeld, CIO bei thermondo
Darum geht's in dieser Folge
Thomas von Schwarzenfeld beschreibt in dieser Folge, wie KI bei thermondo eingesetzt wird und welche Regeln das Unternehmen sich selbst gesetzt hat. Der Weg führt von seiner persönlichen Erfahrung als Legastheniker über die Frage, warum manche Führungskräfte KI ausrollen und andere nicht, bis zu seiner persönlichen Einschätzung: Technologie ist nie demokratisch.
Thomas von Schwarzenfeld ist Chief Innovation Officer bei thermondo, einem Berliner Heizungsunternehmen mit CleanTech-Fokus. In seiner Rolle verantwortet er die strategische Innovationsarbeit sowie das physische Produktportfolio des Unternehmens. Mit seinem Team entwickelt er u. a. daten- und KI-gestützte Produkte für Wärmepumpen, Energiemanagement und dynamische Stromtarife.
Verständigung
Was KI leistet, wenn Angestellte unterschiedlich denken
Thomas von Schwarzenfeld ist Legastheniker. „Als ich in den 70er-, 80er-Jahren zur Schule ging, war das ein Todesurteil“, sagt er. In der Schule war die Lese-Rechtschreibschwäche ein Hindernis. Heute liefert sie ihm eine Perspektive, die im Unternehmen nützlich ist. „Legastheniker haben eine andere Art zu denken. Wir denken dreidimensional und nicht in linearen Zeitabläufen“, so Thomas. Er erkennt Muster und visualisiert sie im Kopf. Beides hilft ihm, wenn er Prozesse im Team umbaut oder eine App entwickelt.
Gleichzeitig war die andere Denkweise lange eine Herausforderung, wenn es darum ging, seinem Team eine neue Idee zu erklären. KI hat das verändert. Für Thomas funktioniert sie wie ein Übersetzer: „Eine KI kann in Multidimensionen denken, versteht aber durch ihr Training auch jeden, der linear denkt. Deshalb kann sie das, was in meinem Kopf passiert, perfekt in die Sprache der anderen übersetzen.“
Das funktioniert in beide Richtungen. Wer linear denkt, kann sich durch KI die andere Perspektive zeigen lassen:
„AI hilft den Menschen zu verstehen, dass man Dinge iterativ angehen kann. Wenn man das Ziel erst einmal formuliert hat, kann man den Weg dorthin sehen. Das Problem der meisten ist doch: „Ich weiß ungefähr, was ich will, aber wie fange ich an? Das, was man bei Schriftstellerinnen und Schriftstellern das weiße-Blatt-Syndrom nennt.“
Die KI schließt diese Lücke. Sie nimmt das Ziel und zerlegt es in Schritte. „Die Leistung, die bei mir im Kopf abläuft, ohne dass ich darüber nachdenke, macht die KI dann für dich.“ Das Beispiel zeigt: KI funktioniert als Brücke zwischen unterschiedlichen Denkweisen.
Zugang
Vom Handwerker bis zum Geschäftsführer
Ein Werkzeug muss nicht für alle taugen. Bei thermondo haben trotzdem alle Mitarbeitenden Zugang zu KI. Thomas begründet es so: „Weil ich auch niemandem sagen würde, er bekommt keine E-Mail-Adresse. Das ist das Gleiche!“ Auch die Angestellten, die mit ihren Händen arbeiten, müssen eine Reisekostenabrechnung machen, dabei könne die Künstliche Intelligenz helfen. Jeder solle die Möglichkeit haben, unter den besten Bedingungen zu arbeiten und für Thomas gehört Künstliche Intelligenz im Jahr 2026 zwingend dazu. Dahinter steckt ein Bottom-Up Gedanke: Wenn alle mit KI arbeiten, kann jede Person Ideen entwickeln, von denen das Unternehmen profitiert.
Ein Beispiel aus der Montage
Ein Installateur bei thermondo musste den Kunden häufig erklären, wie die Anlagen funktionieren. Er hatte die Idee, diesen Schritt zu automatisieren und dafür eine App zu bauen. Mit Hilfe von KI entwickelte er einen Click-Dummy und stellte ihn der Geschäftsführung vor. Die Ideen fließen jetzt in die App mit ein.
Künstliche Intelligenz ermöglicht es, Ideen schnell weiterzuentwickeln und selbst umzusetzen. Für Thomas liegt hier viel Potenzial: „Nicht jeder hat das Talent frei zu sprechen. Nicht jeder hat das Talent, seine Ideen schlüssig zu formulieren. Und jetzt haben wir ein Tool, damit können sie ihre Gedanken so weit fertig machen, dass selbst jemand wie ich versteht, was sie mir erklären wollen. Nicht umsonst sagt man: erkläre es mir als wäre ich ein CEO oder ein 5-jähriger, das ist ungefähr das gleiche Verständnisniveau.“
Laut Thomas sollten Unternehmen diese Möglichkeiten nutzen oder wie er es formuliert: „Ich wäre ja bescheuert als Unternehmer, wenn ich meinen Menschen diese Fähigkeit (Anm. der Redaktion: mit KI zu arbeiten) nehme, ihre Kreativität, ihre Fähigkeiten für mich als Unternehmen einzusetzen.“ Wer Ideen umsetzen soll, braucht dafür das Werkzeug, so seine Argumentation.
Führung
Wer KI wirklich ausrollt und wer sie lieber für sich behält
Das alle Zugang haben, war eine Entscheidung der Geschäftsführung. Sie fällt nicht in jedem Unternehmen gleich aus. Für Thomas ist sie aber einfach: „Wenn KI mich besser macht, wird sie jeden anderen im Unternehmen besser machen.“ Manager, die so denken wie er, rollen KI schnell an alle aus.
Thomas beschreibt einen zweiten Typ Manager: „Die sind immer der Meinung, sie sind viel schlauer und viel effizienter als ihre Kolleginnen und Kollegen. Die haben früher schon nicht enabled, sondern diktiert und die rollen KI nicht aus.“
Der Führungsstil entscheidet mit, ob KI im Unternehmen ankommt, so Thomas. Er sagt, man muss den Angestellten erklären, warum es wichtig ist, sich mit dieser Technologie auseinanderzusetzen. Es geht dabei um die berufliche Zukunft: „Genauso wie ich heute kaum noch einen Arbeitsplatz finde, wenn ich keine E-Mail schreiben kann, wird man irgendwann keinen Arbeitsplatz mehr finden, wenn man eine KI nicht bedienen kann. Das geben wir den Leuten ganz klar mit.“
Dazu kommen Schulungen und Weiterbildung. Thomas hält den festen Takt für entscheidend. Sein Team trifft sich wöchentlich zum „AI Breakfast“ und bespricht Anwendungsfälle und Probleme.
Die zwei häufigsten Einwände
Thomas begegnet regelmäßig zwei Einwänden: KI sei teuer und ihr Mehrwert nur schwer messbar. Das Kostenargument überzeugt ihn nicht: „Eine Anthropic-Lizenz für 1.500 Mitarbeitende ist viel Geld. Aber wenn ich im Google Workspace arbeite, habe ich das (Anm. der Redaktion: In Google Workspace ist Gemini enthalten) schon. Oder ich nutze Open LLMs. Das ist keine wirkliche Kostenfrage.“
Beim Mehrwert sind ihm die großen Projekte wichtig: „Bei unserem Home Energy Management System, thermondo smart, laufen unsere Algorithmen KI-basiert und sparen den Kunden 15 bis 20 Prozent Energiekosten. Das kann ich in Euro umrechnen“
Thomas sagt aber auch, man könne nicht immer den genauen Mehrwert eines Projekts benennen. Bei kleineren Projekten zeigt sich der Nutzen im Arbeitsalltag: „Bei einem neuen Dashboard, das den Kolleginnen und Kollegen das Leben einfacher macht. Wie will ich das beziffern? Ich merke es in mehr Produktivität, in mehr Outcome.“
Den Gesamteffekt misst thermondo am Geschäftsergebnis: „Am Ende ist es etwas, das sich nur im Geschäftserfolg messen lässt. Und das sehen wir deutlich. Wir sehen, unsere Bottom Line wächst. Und wir sehen eine Kurve, die ziemlich parallel zu der Adoption Rate of AI im Unternehmen verläuft.“
Sicherheit
Wo liegt die Verantwortung, wenn KI falsch liegt
Bei thermondo können Beschäftigte mit KI eigene Workflows und Reports erstellen. Um KI-Wildwuchs macht sich Thomas trotzdem keine Sorgen: „Das erledigt sich von allein. Am Anfang macht es Spaß. Die Leute kriegen schnell mit, dass sich niemand mehr diese Reports anschaut, und melden sich aus den Chats ab.“ Diese Phase hält er für notwendig: „Man muss den Menschen die Freiheit geben, KI auszuprobieren, auch mal over the top zu gehen. Lass die Leute machen. Das reguliert sich von selbst.“
Angestellte dürfen ausprobieren und lernen, aber die Verantwortung im Umgang mit der KI ist ganz klar festgelegt: „Jede Mitarbeiterin, jeder Mitarbeiter ist selbst zuständig für KI. Was sie ausspuckt, ist meine Verantwortung. Das Argument ‚das hat die KI gemacht‘ zählt nicht“.
Thomas zieht eine Parallele zur Personalführung. Die Verantwortung liegt am Ende bei der Teamleitung. Es gibt auch bei anderen Fragen Ähnlichkeiten: Welche Guidelines brauche ich für die KI? Was kann die KI und was kann sie nicht? Welche Aufgaben sollte ich delegieren und welche nicht? Diese Fragen stellen sich Führungskräfte auch in Bezug auf ihre Teammitglieder.
Kunden
Was KI im Kundenkontakt übernimmt
KI läuft bei thermondo an mehreren Kundenschnittstellen. Auf der Webseite beantwortet der KI-Chatbot Theo Kundenanfragen: „Mittlerweile ist es so, dass etwa 60 bis 65 Prozent der Fragen, von Theo perfekt beantwortet werden.“ Im Kundengespräch schlägt die KI passende Termine vor. Und die Software thermondo smart entscheidet mithilfe von KI selbst, wann die Wärmepumpe anläuft.
Grundlage dafür sind Daten. Diese Datengrundlage entsteht bei thermondo nebenbei. Für die Heizlastberechnung ist eine vollständige Aufnahme des Gebäudes vorgeschrieben: „Wir machen eine komplette Datenaufnahme, dazu sind wir gesetzlich verpflichtet, für die Heizlastberechnung. Diese Daten müssen wir speichern, die Daten müssen wir immer zur Verfügung haben für die Anträge, für die Förderung.“
Was als Pflicht beginnt, wird zur Voraussetzung: Dieselben Werte modellieren später das Haus und steuern, wann die Wärmepumpe anläuft.
Bleibt die Frage, wie genau dieses Modell ein Zuhause abbildet. Thomas zieht die Grenze so: „Aus unseren Daten kann ich lesen, wie viele Räume ein Haus hat, wie viel Wohnfläche und ob es gut gedämmt ist. Mehr weiß ich nicht. Ich weiß nicht, wo der Schrank steht oder wo die Bilder von der Großmutter hängen.“ Für die Steuerung genügt die Gebäudehülle. Was in den Räumen passiert, bleibt außerhalb des Modells.
AI-First
Bis hierhin geht es um Rahmenbedingungen. thermondo denkt aber auch die Prozesse neu und nennt diesen Ansatz „AI-First“. Thomas definiert ihn so: „Ich überlege mir nicht, wie ich einen bestehenden Prozess mit KI effizienter mache, sondern ich denke andersrum. Ich denke: Wie muss ein Prozess sein, damit er für die Kundin oder den Kunden optimal ist und von einer KI erledigt werden kann?“
Thomas begründet das mit der Verlässlichkeit: Eine KI habe keinen Biorhythmus und könne mehrere Aufgaben parallel bearbeiten. Prozesse, die sie übernimmt, laufen aus seiner Sicht stabiler.
Gesellschaft & Branche
Warum KI nie demokratisch ist und trotzdem eingesetzt wird
Thomas idealisiert die Technologie nicht. Mehr Mitbestimmung bringt sie aus seiner Sicht nicht: „Ich glaube, Technologie ist nie demokratisch. Technologie ist zutiefst undemokratisch, weil sie immer den bevorteilt, dem sie gehört, der sie kontrolliert und der sie nutzen kann.
Sein Beispiel ist Social Media, eine Technologie, die mit dem Demokratie-Versprechen angetreten war: „Social Media ist das Undemokratischste, was es auf dieser Welt gibt. Eine Person, Mark Zuckerberg, entscheidet, was wir sehen, was wir glauben sollen.“ Was Reichweite bekommt, entscheidet die Geschäftslogik und Empörung bringt Klicks.
Für KI zieht er den gleichen Schluss, mit einer Einschränkung: „KI ist ein Befähiger für die, die es nutzen.“ Für ihn selbst hat das funktioniert: „So wie das Internet mir die Möglichkeit gegeben hat, als Legastheniker aus einfachem Hintergrund erfolgreich Unternehmen zu gründen, gibt KI jetzt wieder vielen Menschen diese Möglichkeit.“
Obwohl er KI für „zutiefst undemokratisch“ hält, hat thermondo sie für alle ausgerollt. Auf die Frage nach dem Widerspruch antwortet Thomas so: „Wir sind nicht für die Demokratie in einem Land zuständig. Dafür haben wir demokratische Parteien, dafür haben wir ein Bildungssystem, das diese Aufgabe erfüllen sollte.“
Eine Grenze ist ihm aber wichtig: „Wir werden nie etwas tun, was der Demokratie schadet. Ich liebe Europa, ich lebe hier sehr gerne, ich mag unsere vielfältige Gesellschaft“
Potenzial von KI für den Energiemarkt
Worauf Thomas in der Energiebranche noch wartet
Über das eigene Unternehmen hinaus erwartet Thomas den größten Effekt dort, wo viele kleine Anlagen zusammenspielen müssen: „AI wird es uns ermöglichen, fragmentierte Energieassets synchron zu steuern.“ Sinkende Preise wären damit aus seiner Sicht nicht erst in den 2030er-Jahren möglich, sondern deutlich früher.
Beispiel Stromspeicher in Privathaushalten: Ließen sie sich flexibel einsetzen, wären Preissenkungen und gesparte Netzinvestitionen die Folge, „weil wir viel lokaler Energieströme ausgleichen können“.
Die Politik ist ihm zu träge: „Die Regulatorik ist in einem sehr langsamen Tempo unterwegs. Das war bisher nicht so schlimm, weil wir in der Technologie noch nicht mit Maschinengeschwindigkeit unterwegs waren.“ Gemeint ist damit ein Rechenvorsprung: Menschliches Denken braucht Zeit, eine Maschine mit genügend Rechenkapazität ist deutlich schneller.
Aber er blickt positiv in die Zukunft: „Ich bin sehr optimistisch, dass wir es schaffen werden, die Möglichkeiten, die uns AI bietet, für das Gute in dieser Welt und für die Weiterentwicklung zu nutzen.(…)Allerdings kann ich nicht sagen, ob wir nicht zwischendurch auch durch die einen oder anderen sehr dunklen Zeiten gehen werden.“