KI im Unternehmen: Warum Effizienz allein nicht reicht
mit Julia Tammeveski, Expertin und Trainerin für Human-Centered AI
Darum geht's in dieser Folge
KI soll Arbeit schneller und effizienter machen. Doch sie verändert auch, wie Beschäftigte entscheiden, zusammenarbeiten und ihre eigene Rolle verstehen. Viele fragen sich, wie KI ihren Arbeitsplatz verändert, was mit sensiblen Daten geschieht und ob sie die Einführung mitgestalten können. Wie gelingt dieser Wandel, ohne die Menschen aus dem Blick zu verlieren? Darüber haben wir mit Julia Tammeveski gesprochen. Sie erklärt, warum KI kein reines Technologieprojekt ist, wie Beteiligung Vertrauen schafft und weshalb Unternehmen gerade ihre skeptischen Beschäftigten brauchen.
Julia Tammeveski arbeitet an der Schnittstelle von Technologie, Verhalten und Organisation. Ihr Ziel ist es, künstliche Intelligenz so zu gestalten, dass sie menschliche Urteilskraft stärkt, statt sie zu ersetzen. Als Expertin für Human-Centered AI begleitet sie Organisationen dabei, KI verantwortungsvoll zu integrieren. Mit ihrem Hintergrund in HR, Consulting und Lernarchitekturen unterstützt sie Führungskräfte und Teams dabei, KI nicht nur als Technologieprojekt zu betrachten, sondern als kulturellen Wandel, der Kompetenzen stärkt, Orientierung schafft und nachhaltige Veränderung ermöglicht.
Die falsche Messlatte
Ist Effizienz wirklich das Ziel?
Effizienz galt lange als eine zentrale menschliche Leistung im Arbeitsalltag. Heute erledigt künstliche Intelligenz viele Aufgaben schneller als wir. Für Julia Tammeveski lohnt es sich deshalb nicht, mit KI um Effizienz zu konkurrieren. Künftig kann sie noch mehr standardisierte Tätigkeiten übernehmen.
Tammeveski stellt daher eine andere Frage: Wenn KI in vielen Bereichen effizienter arbeitet, welche Fähigkeiten zeichnen dann den Menschen aus? Ihre Antwort: lebenslanges Lernen und die Fähigkeit, sich an eine ständig verändernde Arbeitswelt anzupassen.
Genau das fordert der Einsatz KI. Denn wer glaubt, mit einem KI-Kompetenztraining sei es getan, der irrt. „KI ist ein ganz starkes lebenslanges Lernthema“, sagt Tammaveski. Im Arbeitsalltag dauerhaft Raum für dieses Lernen zu schaffen, sei allerdings nicht einfach. In vielen Unternehmen fehlt dafür schlicht die Zeit, und Lernblöcke im Kalender werden schnell von neuen Aufgaben und Projekten verdrängt.
Der Mensch im Mittelpunkt
Warum das richtige Tool nicht reicht
Einer Studie von McKinsey zufolge erreichen rund 70 Prozent großer Transformationsprogramme ihre gesetzten Ziele nicht. Zu den häufigen Ursachen zählen mangelnde Beteiligung, unzureichende Unterstützung durch das Management und fehlende Zusammenarbeit. Unternehmen müssen ihre Prioritäten deshalb anders setzen.
Julia Tammeveski betont: „Der Mensch ist einfach in der ganzen Transformation sehr zentral und das wird oftmals erst im Nachgang bemerkt.“ Aus der Praxis weiß sie, dass Unternehmen zwar KI-Technologien einführen – aber erst später merken, dass die Mitarbeitenden „nicht mitkommen“ oder schlicht nicht mitziehen. Künstliche Intelligenz ist ein Menschenprojekt und kein Technologieprojekt, so Julia Tammeveski. Entscheidend für den Erfolg ist, wie Unternehmen die Veränderung organisieren und ob Beschäftigte sie verstehen, mittragen und mitgestalten können.
Das Fundament
Ohne Vertrauen geht es nicht
Unternehmen können KI nur dann erfolgreich einführen, wenn Vertrauen in beide Richtungen besteht. Beschäftigte müssen darauf vertrauen können, dass die Führung KI transparent einführt und offen über Ziele, Regeln und Folgen spricht. Gleichzeitig muss die Führung den Beschäftigten einen verantwortungsvollen Umgang mit KI und sensiblen Daten zutrauen.
Tammeveski warnt davor, KI hinter verschlossenen Türen zu testen. Abgeschottete Tests erzeugen Unsicherheit und verhindern, dass Führungskräfte und Beschäftigte gemeinsam sinnvolle Einsatzmöglichkeiten entwickeln.
„Das Thema Fehler und Lernen gehört bei KI ganz eng zusammen“, so Tammeveski. Die Einführung braucht einen Rahmen, in dem Teams Möglichkeiten erproben, Fehler offen besprechen und gemeinsam Regeln entwickeln können. Wer Beschäftigte von Anfang an beteiligt, schafft Transparenz und stärkt das gegenseitige Vertrauen. Julia ist überzeugt: „KI ist ein hochgradig kollaboratives Thema, an dem alle von Anfang an beteiligt sein sollten.“
Die Kehrseite der Geschwindigkeit
Warum mehr Geschwindigkeit nicht automatisch entlastet
Auf eine Anfrage liefert ein Chatbot häufig mehrere Antwortvorschläge. Diese müssen geprüft und bewertet werden, bevor eine Entscheidung fällt. Mit jeder neuen Antwort beginnt dieser Prozess von vorn. Viele aufeinanderfolgende Entscheidungen können auf Dauer ermüden. Man spricht von „Decision Fatigue“.
Hinzu kommt ein weiterer Effekt, den Tammeveski in Unternehmen beobachtet: Die kognitive Last steigt oft zuerst an, statt zu sinken. Führung muss diese Last aktiv steuern, indem sie häufiger Einzelgespräche führt, Prioritäten klarer setzt und Arbeit in überschaubare Schritte aufteilt.
Mehr Geschwindigkeit bedeutet also nicht automatisch weniger Belastung. Sie erhöht auch die Zahl der Ergebnisse, die Menschen prüfen, bewerten und weiterverarbeiten müssen. Tammeveski warnt deshalb davor, das Effizienzversprechen ungeprüft zu übernehmen: „Es wird häufig behauptet, dass KI uns effizienter macht und wir dadurch alles schneller erledigen. Doch vieles, was wir über KI lesen, ist Hype.“ Sie stellt klar: Die Arbeit mit KI verändert unsere Arbeitsabläufe und stellt uns vor neue Herausforderungen.
Kritik als Ressource
Warum Unternehmen ihre KI-Skeptiker brauchen
Wer von den Möglichkeiten der KI überzeugt ist, erlebt Skepsis schnell als Blockade. Doch der Versuch, kritische Beschäftigte um jeden Preis zu überzeugen, verhärtet oft die Positionen. Das kann sich anfühlen, als würde man gegen eine Wand reden. Tammeveskis Rat: Nicht sofort versuchen, Skeptiker zu überzeugen, sondern erstmal zuhören und Einwände ernst nehmen. Diese zugewandte Haltung schafft eine gute Basis.
Im Transformationsprozess werden genau diese Skeptiker eine wichtige Rolle einnehmen, so Tammeveski. Wer von KI begeistert ist, übersieht leichter Risiken und Grenzen. Skeptiker stellen unbequeme Fragen und können dadurch Fehlentscheidungen verhindern.
Tammeveski plädiert deshalb für mehr psychologische Sicherheit und für eine Haltung jenseits der Extreme: weder „alles, egal was Datenschutz und Regeln sagen“ noch „Kopf in den Sand“. Stattdessen brauche es einen nüchternen Mittelweg, der Chancen nutzt und Risiken ernst nimmt.
Was am Ende zählt
Entscheidend ist, ob Unternehmen Lernen ermöglichen, Beteiligung ernst nehmen und eine Kultur schaffen, in der Ergebnisse geprüft werden. Regeln müssen klar und Fragen erwünscht sein. KI kann Arbeit beschleunigen. Ob sie auch entlastet, hängt davon ab, wie Menschen sie im Alltag einsetzen.